Ernest Hemingway – In einem andern Land

Ernest Hemingway – In einem andern LandViele Worte braucht man über Ernest Hemingway (*1899 – †1961) nicht zu verlieren. Nur so viel: Er gewann den Pulitzerpreis, wurde mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet und gilt nicht von ungefähr als einer der bedeutendsten amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller war Hemingway auch Kriegsberichterstatter und ging 1918 als junger 18-Jähriger freiwillig an die österreichisch-italienische Front. Aufgrund seiner Sehschwäche verfiel der Wunsch, als Soldat in den 1. Weltkrieg zu ziehen, stattdessen arbeitete er als Fahrer des Red Cross Ambulance Corps. Bei der zweiten Piaveschlacht wurde er von einer Mörsergranate verletzt. 227 Stahlsplitter hatten sich in seinem rechten Bein festgesetzt, anschließend geriet Hemingway weiter unter Beschuss. Notdürftig versorgte man ihn im Feldlazarett, er entging einer Amputation und wurde anschließend in ein Mailänder Krankenhaus verfrachtet. Dort verliebte er sich in die Krankenschwester Agnes von Kurowsky. Dann kehrte er Italien den Rücken und zog wieder in die USA. 1929 erschien der Roman »In einem andern Land«, in dem Hemingway seine Fronterlebnisse und die Liebe zur Pflegerin thematisierte.

Den Roman trägt der Ich-Erzähler und US-Amerikaner Frederic Henry. Seine Absichten, ein Architekturstudium zu absolvieren, nehmen ein Ende, stattdessen zieht es Henry in Richtung Nord-Ost-Italien. Dort begibt er sich als Sanitätsoffizier an die italienisch-österreichische Front, doch vom Krieg bekommt er anfangs wenig mit. In seiner Unterkunft feiert er gemeinsam mit anderen Offizieren und Bekanntschaften Trinkgelage. Verbringt die meiste Zeit mit Gesprächen, Warten und hat sogar in seinen freien Tagen die Chance, Italien zu erkunden.

Er lernt die blonde, schottische Krankenschwester Miss Catherine Barkley kennen, die an seinem Standort im Lazarett arbeitet. Barkley hat ihren Verlobten im Krieg verloren, wirkt verwirrt und zeigt anfängliche Abneigung. Henry stempelt sie als etwas verrückt ab. Dennoch fasziniert ihn die rätselhafte Miss Henry – auch in sexueller Hinsicht.

Ich küsste ihre beiden geschlossenen Augen. Ich dachte, daß sie vielleicht ein bisschen übergeschnappt sei. Mir sollte es recht sein. Mir war’s gleich, was passierte. Dies war besser, als jeden Abend ins Offiziersbordell zu gehen, wo die Mädchen an einem raufklettern und einem als Zeichen ihrer Zuneigung, zwischen den Ausflügen, die sie mit Offizierskameraden ins oberste Stockwerk unternahmen, die Mütze verkehrt herum aufzusetzen. Ich wußte, daß ich Catherine Barkley nicht liebte und auch nicht die Absicht hatte, sie zu lieben. Das war ein Spiel wie Bridge; man sprach, anstatt Karten zu spielen. Wie beim Bridge musste man so tun, als ob man für Geld spielte, oder um irgendeinen Einsatz. Niemand hatte den Einsatz erwähnt. Mir war es gleich. (S. 39)

Noch wirkt der Protagonist distanziert zum Geschehen, dem Krieg. Hofft allerdings, dass er schnell enden werde. Henry verbreitet Optimismus (»Nun ich wußte, dass ich nicht getötet werden würde, nicht in diesem Krieg. Der hatte mit mir gar nichts zu tun«), bis er in eine der Isonzoschlachten schwer verwundet wird.

Meine Beine fühlten sich warm und naß an, und in meinen Schuhen war es auch warm und naß. Ich wußte, daß ich verwundet war, und ich beugte mich vornüber und faßte mit der Hand nach meinem Knie. Mein Knie war nicht da. Meine Hand ging hinein und mein Knie war unten, wo mein Schienbein war. Ich wischte meine Hand an meinem Hemd ab, und wieder kam eine Leuchtkugel sehr langsam herunter, und ich besah mir mein Bein und hatte furchtbare Angst. Oh Gott, sagte ich, hilf mir hier heraus. (S. 70)

»Die Ärzte arbeiten mit bis zu den Schultern aufgekrempelten Ärmeln und waren rot wie Schlächter.« Henry wird trotz der chaotischen Situation behandelt und danach in ein amerikanisches Lazarett nach Mailand verlegt. Wie es der Zufall will, taucht Catherine Barkley in diesem ebenfalls auf, was sich der Offizier gewünscht hat. Aus Skepsis wird Liebe. Barkley sorgt sich um Henry und in ihren Nachtschichten kommen sie sich näher.

Während Henrys Bein operiert wird und er sich auf dem Weg der Besserung befindet, wird Barkley schwanger. In Mailand trifft sich der Offizier mit Freunden, besucht mit seiner Geliebten schicke Etablissements und Pferderennen. Frederic zieht es wieder an die Front, doch die Österreicher behalten die Oberhand und erobern das Revier in Richtung Cividale und Udine. Beim Rückzug bleibt Henry mit seinem Krankenwagen stecken und muss mit seinem Trupp zu Fuß weiter. Die italienische Feldpolizei richtet dagegen den Fokus auf die feigen Offiziere, die den Kampf nicht weiter annehmen wollen. Sie verhaftet alle vorbeikommenden, verhört und tötet sie. Henry schafft es gerade, sich zu befreien, in einen Fluss zu springen und sich damit zu retten.

Ernest Hemingway 1918 in Mailand. Geschossen wurde das Portrait von den Ermeni Studios.

Er reist in einem Zugwaggon erst nach Mailand, wo sich Catherine nicht mehr befindet und dann dank einigen zugesteckten Informationen nach Stresa am Lago Maggiore, wo es zum Wiedersehen kommt. Er schließt mit dem Krieg ab: »Der Ärger war mit allen Verpflichtungen im Fluß fortgespült worden […].« Doch der Offizier, der zum Dissidenten geworden ist, muss sich verstecken. Der Druck wird größer. Henry soll verhaftet werden. Nachts verschafft er sich ein Boot und rudert über den See gemeinsam mit Catherine in die Schweiz. Beide geben sich als Touristen aus, leben fortan abgeschieden oberhalb von Montreux und genießen ihre Zeit. Bei Catherines Entbindung kommt es dann allerdings zu Komplikationen.

Wenn Menschen so viel Mut auf die Welt mitbringen, muss die Welt sie töten, um sie zu zerbrechen, und darum tötet sie natürlich. Die Welt zerbricht jeden, und nachher sind viele an den zerbrochenen Stellen stark. Aber die, die nicht zerbrechen wollen, die tötet sie. Sie tötet die sehr Guten und die sehr Feinen und die sehr Mutigen; ohne Unterschied. Wenn du nicht zu diesen gehörst, kannst du sicher sein, dass sie dich auch töten wird, aber sie wird keine besondere Eile haben. (S. 289/290)

»In einem andern Land« ist eine Mischung aus Liebesgeschichte sowie Kriegsroman und entfaltet sich erst ab der Mitte des Buches. Die Liaison wird von Hemingway anfangs etwas kitschig, ohne Fundament behandelt. Es handelt sich um Liebe auf den zweiten Blick, um die genaue Entstehung dieser hüllt sich der Mantel des Schweigens. Sie entwickelt sich irgendwie zu plötzlich, dass man sie nachvollziehen kann. Die Dialoge von Catherine und Frederic erscheinen zu Beginn inhaltslos, platt. Fortlaufend verbreitet sich die Erkenntnis, dass Frederic in diesem Krieg einen menschlichen, weiblichen Halt braucht, der folglich Catherine wird.

Helden bringt der Krieg keine hervor, das macht Hemingway in seinen Beschreibungen deutlich. Frederic soll für seine Tapferkeit – er hat verletzt einem ebenfalls angeschlagenen Kollegen geholfen – mit einer Medaille ausgezeichnet werden. Manch andere Kriegsteilnehmer brüsten und definieren sich dadurch, obwohl solche Auszeichnungen manchmal unbegründet verliehen wurden. Hemingway arbeitet auch die Gedanken der jüngeren Generation heraus, die damals in den Krieg zog, um Abenteuer zu erleben. Um aus diesen als Triumphator zu gehen. Sich bewiesen zu haben.

Hemingway reiht sich da ein. Doch als er dem Tod gegenüber steht und wie seine Hauptfigur Frederic Henry verletzt wird, ändert sich vieles. Das Weltbild gerät ins Wanken, die Realität kehrt ein. Die Naivität verblast, stattdessen sorgt diese Aktion dafür, dass nicht nur sein Körper beschädigt wird, sondern seine Psyche. Wesentlich anders geht Frederic Henry damit um, der den Krieg dank der Liebe und Catherine verdrängen kann.

Ernest Hemingway erholt sich 1918 in einem Mailänder Krankenhaus von seinen schweren Verletzungen. 227 Stahlsplitter steckten in seinem Bein, das fast abgenommen werden musste.

Wie selbstverständig schafft es Hemingway ebenso Spannung und Dramatik zu erzeugen. Durch seine sprachlichen Fertigkeiten zieht er den Leser in den Bann, was »In einem andern Land« zum page-turner macht. Unabhängig davon, dass er als Meister der Landschaftsbeschreibungen bezeichnet werden kann, der Ausgang von etlichen ungewissen Situationen kann von vornerein selten gedeutet werden.

Das leider größte Manko dieses Buch ist die Übersetzung von Annemarie Horschitz-Horst (*1899 – †1970), die »die einzige vom Autor autorisierte Übersetzerin der Werke Ernest Hemingways ins Deutsche« war. Da sich seine Bücher in Deutschland überaus ordentlich verkauften, sah Hemingway keinen Grund darin, sie neu übersetzen zu lassen. Und dafür muss sich der Roman mit großen Minuspunkten anfreunden. Auszüge wie »Das andere Knie war meins. Ärzte machten was an dir, und es war nicht mehr dein eigener Körper. Der Kopf gehörte mir und das Innere des Magens auch. Dort drin, war er sehr hungrig. Ich fühlte, wie er sich umdrehte. Der Kopf gehörte mir, aber nicht zur Benutzung, nicht zum Denken nur zum Erinnern und nicht zum Viel-Erinnern.« (S. 271) erschließen sich mir nicht und sind grammatikalisch ebenso zweifelhaft. Mag sein, dass einige Dialoge vom Liebespaar deswegen so hohl erscheinen. Andererseits muss ich mir – aufgrund meiner Faulheit – selbst ankreiden, den Roman nicht im Original gelesen zu haben.

Blendet man die schwache Übersetzung aus, ist »In einem andern Land« ein erlebnisreicher und fesselnder Roman über eine Liebe, die im Keim erstickt wird, und über den 1. Weltkrieg, der besonders für die junge Generation – Ernest Hemingway gehörte zu dieser dazu – unerwartet zu einem Vabanquespiel wurde. Dank der sauberen Konstruktion und den realistischen Beschreibungen reißt »In einem andern Land« mit – ob man nun will oder nicht.

[Buchinformationen: Hemingway, Ernest (2013). In einem andern Land. 10. Auflage. Rowohlt Taschenbuch Verlag. Aus dem Amerikanischen von Annemarie Horschitz-Horst. Titel der Orignalausgabe: A Farewell to Arms (1929). 384 Seiten. ISBN: 978-3-499-22602-1]

[Credits: Die Bilder von Hemingway stammen von der Ernest Hemingway Collection des John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.]

[Anmerkung: Der Blog Hemingways Welt beschäftigt sich mit dem großen Schriftsteller, lohnt sich und ist einen Besuch wert!]

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2 thoughts on “Ernest Hemingway – In einem andern Land

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