100 Jahre Russische Revolution – ein Leseprojekt

Vor einhundert Jahren löste sich Russland von der Monarchie. Die anschließende Revolution sorgte für einen blutigen Bürgerkrieg, der von 1917 bis 1921 fast zehn Millionen Menschen das Leben kostete. 1922 gründeten schließlich die Bolschewiki mit Wladimir Lenin an der Spitze die kommunistische Sowjetunion. All diese Prozesse sind historisch interessant, sie werden auch in der Literatur abgebildet. Jubiläen eignen sich besonders dafür, um noch einmal auf spezielle Ereignisse zurückzuschauen. Ich habe eine (unvollständige) Liste von Büchern erstellt, die ich zur Russischen Revolution gelesen habe oder noch lesen möchte. Wer Ideen hat und meine Auswahl um Titel erweitern möchte, der kann gerne weitere Werke in den Kommentaren zu diesem Thema nennen. Ich werde sie dann aufnehmen.

Gaito Gasdanows Idee enthält etwas Geistreiches, wenn auch gleich Märchenhaftes. Der Erzähler entkommt als junger Bursche knapp dem Tod im Russischen Bürgerkrieg, erschießt dafür allerdings jemand anderen – so glaubt er zumindest: Einen Reiter auf einem weißen, apokalyptischen Hengst und sieht ihm zu, wie er stirbt. Reitet dann aus Angst davon, weil er andere trappende, feindliche Geräusche wahrnimmt. Jahre später liest er eine interessante Erzählung, die ihn aus den Wolken fallen lässt. Da beschreibt tatsächlich ein gewisser Alexander Wolf, wie er im gleichen Krieg angeschossen wurde. So direkt und detailgetreu, dass es mit der einstigen Wahrnehmung des Protagonisten zu Hundertprozent übereinstimmt. Blanker Wahnsinn? Dass denkt sich der Leser ebenfalls und begibt sich auf die Suche nach Wolf, die ihm nun keine Ruhe lässt. In Gasdanows »Ein Abend bei Claire« geht es im Übrigen ebenfalls um den Bürgerkrieg.

[Ausgabe: Gasdanow, Gaito: Das Phantom des Alexander Wolf. Hanser Verlag. Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze. 192 Seiten. ISBN: 978-3-446-23853-4]

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Mitten in der Revolution angefertigt, verdeutlicht dieses Buch den damaligen Zustand Weißrusslands. Ihnat ist der Sohn eines Großgrundbesitzers. Da seine Mutter getötet wird, zieht eine Amme ihn und ihren eigenen Sohn Wassil gleichzeitig auf. Der erwachsene Ihnat kämpft dann als Fähnrich für Russland im Ersten Weltkrieg. Aufgrund einer Erkrankung wird er aus der Armee entlassen und dann nimmt die Geschichte Fahrt auf. In den Revolutionswirren treiben fanatische Weißruthenen und Spione ihr Unwesen. Es kommt in diesem Chaos zu willkürlichen Festnahmen, zu einem Mord und einer gescheiterten Liebesbeziehung. Während Ihnats Gespaltenheit und Unentschlossenheit psychologisch seziert werden, stumpfen auch seine Mitmenschen immer mehr durch diesen Hexenkessel und fast anarchischen Zustand ab.

[Ausgabe: Harezki, Maxim: Zwei Seelen. Guggolz Verlag. Aus dem Weißrussischen von Norbert Randow, Gundula und Wladimir Tschepego. 220 Seiten. ISBN 978-3-945370-01-8]

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»Ich glaube an die Gewalt, ich glaube nicht an Worte. Wenn ich könnte, würde ich alle Oberen und alle Herrschenden töten.« Autor Boris Sawinkow war selbst Berufsterrorist und mischte in der Revolution mit. In diesem Werk schildert er staubtrocken die Taten seines literarischen Auftragskillers, der den Generalgouverneur umbringen möchte. Sentimentalität und Emotionen sind hier fehl am Platz. Fressen oder gefressen werden. Dazwischen liegt ein schmaler Grat. Sawinkow, der durch seine Erfahrungen vermutlich einen einzigartigen Roman und ein seltenes Psychogramm vorgelegt hat, und sein Protagonist haben lieber gefressen. Und das voller Gier. Der Fortsetzungsroman »Das schwarze Pferd« wendet sich mehr dem Kampf zwischen Weißen und Rot zu und handelt vom Bürgerkrieg.

[Ausgabe: Sawinkow, Boris: Das fahle Pferd. Roman eines Terroristen. Galiani Verlag Berlin. Aus dem Russischen übersetzt von Alexander Nitzberg. 304 Seiten. ISBN: 978-3-86971-114-0]

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Dieser rabiate  Roman beschreibt eine eigentümliche Weltanschauung und den Untergang eines Studenten, der dem Kokain verfallen ist, sich ins Verderben stürzt. In meinen Augen: ein manchmal zu grob geschnitztes, kleines Meisterstück bei Passagen wie diesen: »Ist es möglich, dass die menschliche Seele einer Schaukel gleicht, der, wenn sie in Richtung Menschlichkeit angestoßen wird, schon vorherbestimmt ist, anschließend in Richtung Bestialität auszuschwingen?« Wer aufmerksam liest, dem begegnet auch die Februarrevolution und die Oktoberrevolution.

[Ausgabe: Agejew, M.: Roman mit Kokain. Manesse Verlag. Aus dem Russischen von Valerie Engler und Norma Cassau. 256 Seiten. ISBN: 978-3-7175-2286-7]

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Weitere Bücher:

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3 thoughts on “100 Jahre Russische Revolution – ein Leseprojekt

  1. Eine sehr schöne Idee, wie ich finde, Geschichte so mit dem Lesen zu verbinden. Bei mir sind es beide Weltkriege und die Zeit der DDR und der Wende, die mich literarisch immer wieder begleiten. Ich wünsche Dir viel Lesefreude und die eine oder andere neue Entdeckung zum Thema und bin gespannt auf weitere Beiträge und Lesetipps. Viele Grüße

  2. Tolle Idee! Den Gasdanow und den „Roman mit Kokain“ habe ich auch schon gelesen, beide ganz hervorragend. Bei mir steht aktuell „Zwei Seelen“ von Harezki ganz akut auf der Leseliste. Liebe Grüße, Tobias

  3. Vielleicht diese drei noch… ein unbeirrbarer Enthusiast, ein leicht Verschrobener und ein trotziger Melancholiker:
    John Reed: Ten Days That Shook the World
    Michail Prischwin: Der irdische Kelch
    Joseph Roth: Die Flucht ohne Ende

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